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Phillip Boa and the Voodooclub: play singles songs from their catalogue

  • Datum: Samstag, 09. November 2019 um 19:30 Uhr
  • Location:  
  • Rosenplatz 23A 49074 Osnabrück

Phillip Boa and the Voodooclub: play singles songs from their catalogue
Hochgeladen von: eventim

EARTHLY POWERS ist Boas 19. Studioalbum, der Titel stellt einen Kommentar zur Weltlage dar und ist dazu eine Hommage an eines seiner Lieblingsbücher: Earthly Powers des britischen Autors Anthony Burgess, ein Jahrhundertroman, der 1980 in Deutschland unter dem Titel Der Fürst der Phantome erschien. Legendär ist der erste Satz, der zu den besten ersten Sätzen der Weltliteratur zählt: It was the afternoon of my eighty-first birthday, and I was in bed with my catamite when Ali announced that the archbishop had come to see me. Gemeint ist der Erzbischof von Malta, denn dort beginnt diese Geschichte. Ich kenne viele der Räume, in denen die Geschichte auf Malta spielt, sagt Boa. Vor vielen Jahren war er auf die Insel gezogen, um dem Druck zu entkommen, den die Musikindustrie auf den größten deutschen Indie-Star ausübte. Vor einem Jahr verließ er Malta. Das Land war einmal ein großartiger Ort der Freiheit. Aber es hat sich verändert, heute ist es korrupt, heuchlerisch, spooky. Der Auftragsmord an der investigativen Journalistin Daphne Caruana Galizia war der dramatische Tiefpunkt. Und Boa brach seine Zelte ab.

Man darf sich die zwölf Songs auf EARTHLY POWERS wie Episoden vorstellen, die von den Zeiten erzählen. Boa singt über die Gegenwart, blickt zurück auf die Wege, die er in den vergangenen Jahren gegangen ist. Im Kern ist es ein Album über die Freiheit, sagt er. Es erzählt davon, dass es sich lohnt, für die Freiheit zu kämpfen. Aber auch davon, dass heute viele Menschen Freiheit mit Egoismus und Hedonismus verwechseln.

Boa selbst ist heute freier denn je. Ein deutscher Indie-Star ist er noch immer, aber die Musikindustrie kümmert ihn nicht mehr. Boa geht seine eigenen Wege, macht nur das, wovon er wirklich überzeugt ist. Und diese Haltung kommt an: 2012 ging sein 17. Album LOYALTY bis auf Platz 13 der Albumcharts, kein anderes seiner Werke hatte sich so hoch platziert, auch nicht seine großen Platten aus den 90ern: HAIR, HISPANOLA oder HELIOS oder BOAPHENIA. BLEACH HOUSE knackte 2014 sogar die Top-Ten, chartete auf Platz 7. Selbst die Singles-Compilation BLANK EXPRESSION stieg auf Platz 8 ein. Live spielt Boa in immer größeren Hallen, 2017 verkaufte er das Huxleys in Berlin an zwei Tagen hintereinander aus. Läuft ganz gut, sagt er und grinst beinahe verlegen. Die Arroganz, mit der er sich früher selbst schützte, ist verflogen. Heute ist Boa weiterhin eigenwillig, aber auch: dankbar.

EARTHLY POWERS ist genau das Album, das jetzt kommen musste. Ein großes Statement. Eine Reminiszenz an diese Kunstform, wohlwissend, dass sie vom Aussterben bedroht ist, sagt Boa. Produziert hat Ian Grimble, Londoner, bekannt für seine Arbeit für die Manic Street Preachers oder Mumford & Sons. Ian kriegt diesen zeitlosen britischen Sound hin, den ich schon immer geliebt habe, sagt Boa.

Die Platte beginnt Fans kennen das mit einem Hit. Die Single A Crown For The Wonderboy hat knackige Gitarren, eine 1a-Refrainmelodie und erzählt vom Egoismus dieser Tage, vom Zwang der ständigen Selbstoptimierung und Selbstinszenierung. Boa-Fans fühlen sich direkt heimisch auf dieser Platte, doch Boa führt die Hörer in neue Räume. Cowboy On The Beach klingt lässig und episch, Boa findet als Sänger einen neuen Erzählton, seine Vocals sind weicher, bieten mehr Nuancen. Ich habe mir die Zeit genommen, mich als Sänger noch einmal weiterzubilden, sagt er. Ich hatte den Eindruck, die neuen Songs verlangen danach. Als Produzent Ian Grimble den Song im Kasten hatte, sagte er: Dies ist der Nick Cave-Moment. Boa sagt, er könne mit diesem Vergleich sehr gut leben.

Während auch das treibende The Wrong Generation das verschenkte Leben vieler seiner Zeitgenossen kritisiert, erzählt Nightclub Flasher von einem Typen, den Boa früher kannte: Der ist auf einem falschen Acid-Trip hängen geblieben, führte ein paralleles Leben. Das Stück leiht sich den Beat beim Northern Soul, die Melodie beim Britpop der 90er: definitiv ebenfalls ein Hit! Sehr persönlich, beinahe intim wird es auf Drown My Heart In Moonshine, Boa erinnert sich an eine Zeit, in der er viel trank, durch die Straßen zog auch, um von den Erwartungen zu flüchten. Das war nicht wirklich gesund, aber ich habe dieses Umherwandern in den Straßen auch als Freiheit empfunden. Der Song wird dieser besonderen Atmosphäre gerecht, ist eine dieser großen Boa-Balladen wie die Klassiker Ernest Statue oder Pretty Bay. Mir sind solche Stücke länger nicht mehr gelungen, ich bin glücklich, dass es nun wieder geklappt hat. Und zwar nicht nur einmal: Auch Strange Day After The Rain und Cruising besitzen enormen Tiefgang, nehmen sich Zeit. It's a privilege to feel free, singt Boa bei Cruising, eine Zeile für die Ewigkeit. Der Sprechgesang auf Moonlit erinnert an die großartige Vortragsweise von Blixa Bargeld, Chas And Billy Ray erzählt von zwei alten Rockern, wie Boa sie in seiner Londoner Heimat (er wechselt zwischen London und seiner Geburtsstadt Dortmund) häufiger beobachtet: Typen, die einfach nicht mit der Musik aufhören wollen, auch wenn die Läden immer kleiner werden und die Fans langsam wegsterben. Die beiden träumen aber einfach weiter mich fasziniert diese trotzige Hartnäckigkeit.

Je tiefer man in die Welt von EARTHLY POWERS eintaucht, desto intensiver werden die Begegnungen mit diesen fiktiven Charakteren und Erinnerungen. Phillip Boa hat sein Ziel erreicht: Das Album funktioniert wie ein Roman. Wie ein Werk von Thomas Pynchon oder eben Anthony Burgess: Man hat Lust auf die Story, lernt etwas über Geschichte, Gegenwart und sich selbst ohne wirklich alles zu verstehen. Das muss auch gar nicht so sein, sagt Boa. Fünf Prozent sollten immer mysteriös bleiben. So wie die Dirty Raincoat Brigade im letzten Song einer Platte, die Phillip Boa & The Voodooclub auf einen neuen künstlerischen Gipfel führt. Und das mit Album Nummer 19! Dass muss Boa erst mal jemand nachmachen.

André Boße


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